Zur gleichen Stunde

[436] Sie.


»Ob er wohl manchmal mein noch gedenkt,

Mein noch gedenkt?

Die ihm das Herz und ach! alles geschenkt,

Alles geschenkt!
[436]

Lind war der Abend, und still floß der Rhein,

Still floß der Rhein!

Drang er zu mir in die Kammer hinein,

In die Kammer hinein!


Heiß war sein Werben und glühend sein Mund,

Glühend sein Mund!

Sündige, süße, ach! selige Stund',

Selige Stund'!


Hab' mich gesträubt und hab' doch gemüßt,

Hab' doch gemüßt!

Er hat mir das Muß in die Seele geküßt,

In die Seele geküßt!


Ferne verzog er! – Still flutender Rhein,

Still flutender Rhein!

Sag' es, o sage: gedenkt er noch mein,

Gedenkt er noch mein?«


Er.


»Ob sie wohl heute noch meiner gedenkt,

Noch meiner gedenkt,

Da mich der Schatte des Todes umfängt?

Des Todes umfängt?


Afrika! Glühendes, lockendes Land,

Lockendes Land!

Glück, wo ich suchte. Tod, wo ich fand,

Tod, wo ich fand!


Wollte hier bau'n dir das Heil und den Herd,

Das Heil und den Herd!

Pfeil des Heréro: – Du hast es gewehrt,

Du hast es gewehrt!
[437]

Vergiftet die Wunde, – vergiftet der Pfeil,

Vergiftet der Pfeil!

Ich fühl' es: der Tod dringt näher in Eil',

Näher in Eil'!


Wie rauscht es im Ohr! Ist's der rauschende Rhein,

Ist's der rauschende Rhein?

In die Kammer der Liebsten schon dring' ich hinein,

Schon dring' ich hinein!


Nun komm, du Geliebte, wo Palmen schatten,

Wo Palmen schatten!

Bald nicken sie säuselnd über uns Gatten,

Über uns Gatten!


Hier bring' ich, mein ehelich Weib, dir den Ring,

Dir den Ring!« – –

Und im Schatten der Palmen der Tod ihn umfing,

Der Tod ihn umfing!

Quelle:
Felix Dahn: Gesammelte Werke. Band 5: Gedichte und Balladen, Leipzig 1912, S. 436-438.
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