Die Gouvernante Esther

Ein kleines, ganz winziges Zimmer

Sieht oben vom Dach auf die Welt.

Im Fenster liegt Abendgeflimmer.

Keins ahnt, was das Zimmer enthält.


Im Zimmer da sitzt Fräulein Esther,

Gouvernante von unten im Haus.

Sie preßt ihre Zähne noch fester,

Denn traurig sieht's rings um sie aus.


Zum Teufel man soll's ja nicht sehen!

Die Leute sind so ideal!

Die Esther liegt nämlich in Wehen,

Die Wehen, die werden fatal.


Die Esther, die preßt ihre Hände,

Die Esther verzerrt ihr Gesicht.

O Gott, wenn so Jemand sie fände!

Auf Sitte legt jeder Gewicht.


Besonders beim Stande der Lehrer –

Die Esther, sie preßt auf den Mund

Aus Marmor den Briefebeschwerer,

Der erst auf dem Schreibtische stund.


Gottvater, sie darf ja nicht schreien!

O Himmel, Du ahnst es wohl nicht,

Wie schwer heut' die Menschen verzeihen. –

Ach, Lieb' ist nicht nur ein Gedicht!
[135]

Die Lieb' ist entsetzlich zu tragen!

Und hauptsächlich, wenn was entsteht.

Und Niemandem darf man es sagen,

Wenn's nicht standesamtlich hergeht.


Denn alle es stündlich betonen:

Vermeide Geschichten mit Herrn!

Und hier gleich danebenan wohnen

Nähmädchen, die horchen so gern.


Kein Seufzer, kein Schrei darf hindringen.

Die Zungen, die schlügen mich tot. –

Die Esther, sie fängt an zu singen,

Sie singt im Gesang sich blaurot.


Sie singt hohe Coloraturen

Und singt viele Volkslieder laut;

Erleidet gebärend Torturen,

Weil sie sich zu schreien nicht traut.


Daneben die Nähtermaschinen,

Die poltern und stampfen, gottlob!

Sie rasseln wild überm Verdienen,

Daß leis' sich manch' Seufzer dreinschob.


Und dann singt sie wieder hinreißend,

Sie denkt: ach, die Lieb' war es wert,

Wenn man, seine Schmerzen verbeißend,

Im Singen die Kinder gebärt.
[136]

Denn Liebe kann mächtig erheben

Und klein ist dagegen das Leid.

Die Menschen, die nie was erleben,

Die urteilen auch nicht gescheit.


Nur spät erst in nächtlichen Stunden,

Da haben, voll törichter Scham,

Die Nähmädchen Esther gefunden,

Als ihr schon das Sterben ankam.


Die Mädchen, sie hörten im Winde,

Der nachts um die Dachstuben strich,

Die Stimme wie von einem Kinde,

Die nicht von den Ohren mehr wich.


Erst glaubte man, 's käm vom Kamine.

Da horchte man bald an der Wand.

Die Jüngste, genannt Josephine,

Am schnellsten die Sache verstand.


»Daneben hats Fräulein geboren,

Durchs Schlüsselloch sah ich's im Gang.«

Sie rief es, rot bis in die Ohren,

Weil's doch gar so aufregend klang.


Die Esther, gestorben im Singen,

Lag neben dem Sopha in Ruh'.

Im Hause die Klatschmäuler gingen,

Und kein Mund im Haus ging mehr zu.


Quelle:
Max Dauthendey: Die Ammenballade. Leipzig 1913, S. 131-137.
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