[95] Nach der Singweise: Was quälet mein Herze usw.
1.
O himlisches Leben!
Ach solt ich aufgeben
Diß sterben auf Erden,
Dort lebend zu werden!
Hier stirbt man im Leiden,
Dort lebt man in Freuden.
O Himmel! zu dir
Steht meine Begier.
2.
Hier lieg ich gefangen,
Ümfangen von Schlangen,
Verfolget von Bösen.
Wer wird mich erlösen?
Wer öffnet die Pforte
Und führet mich forte,
O Himmel! zu dir,
Du meine Begier?
3.
Hier nichtes ich sihe
Als Arbeit und Mühe.
Herz, Augen und Hände
Zu JESU ich wende.
Wann werd ich mich legen,
Der Ruhe zu pflegen?
O Himmel! zu dir
Steht meine Begier.
4.
Hier hab ich zu kämpfen,
Die Feinde zu dämpfen.
Die Glieder ermüden
Und seufzen üm Frieden.
Wann wird mir die Krone
Des Sieges zu Lohne?
O Himmel! nach dir
Steht meine Begier.
[95]
5.
Die Wellen hier wallen,
Mein Schifflein anfallen.
Sie wollen mich senken,
Im WeltMeer ertränken.
Mein Segel ich wende,
Zur Sternen-Anlände.
O Himmel! zu dir
Steht meine Begier.
6.
Mein Herz ist erhoben
Zum Vatterland oben.
Wann werd ich eingehen,
Dich, Jesu! zu sehen?
Wann werd ich dich grüßen,
Die Reise beschließen?
O Himmel! zu dir
Steht meine Begier.
7.
Welt! fahre zur Höllen,
Zu deinem Gesellen!
Mich trösten im Leiden
Die ewige Freuden.
In Hoffnung ich lebe,
Dort seelig schon schwebe.
O Himmel! zu dir
Steht meine Begier.
Buchempfehlung
1858 in Siegburg geboren, schreibt Adelheit Wette 1890 zum Vergnügen das Märchenspiel »Hänsel und Gretel«. Daraus entsteht die Idee, ihr Bruder, der Komponist Engelbert Humperdinck, könne einige Textstellen zu einem Singspiel für Wettes Töchter vertonen. Stattdessen entsteht eine ganze Oper, die am 23. Dezember 1893 am Weimarer Hoftheater uraufgeführt wird.
40 Seiten, 3.80 Euro
Buchempfehlung
Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.
432 Seiten, 19.80 Euro