LXIII. Vom Manne, der die Vogelsprache verstand.

[252] Nach dem Manuskripte Steingrímur Thorsteinssons.


Ein Minister hatte einen einzigen Sohn, den er, wie er das nötige Alter erreicht hatte, zur Schule schickte. Dort war er zuerst vier Jahre. Dann ging er noch ein fünftes Jahr dorthin, und zwar hauptsächlich, um die Vogelsprache zu erlernen. Nach dieser Zeit kehrte er zu seinem Vater zurück.

Einst reiten beide im Walde spazieren und lagern sich unter einem Baume. Eine Menge Vögel sitzen in den Zweigen und zwitschern und singen miteinander. Der Vater fragt seinen[252] Sohn, ob er ihm sagen könne, was die Vögel miteinander redeten. Lange Zeit will der Junge nicht mit der Sprache heraus. Als endlich der Vater immer eifriger in ihn dringt, erklärt er: »Die Vögel sagen, ich würde so gross und mächtig werden, dass sogar mein eigener Vater mir zu gehorchen hätte«. Wie der Minister das hört, gerät er ausser sich vor Zorn, nimmt sein Taschenmesser heraus und sticht dem Sohne beide Augen aus. Dann geht er fort und lässt den Knaben hilflos unter der Eiche liegen. Wie er schon eine Weile weg ist, tastet der Blinde sich mühsam zu seinem Pferde, schwingt sich auf den Rücken und lässt sich so in die weite Welt hinaustragen. Endlich hält das Pferd an einem Kirchhofe still. Der Blinde steigt ab und legt sich dort nieder. Nach kurzer Zeit kommen zwei Raben und setzen sich in eifrigem Gespräch auf die Kirchhofsmauer. »Weshalb ist der Mann dort blind«, fragt der jüngere Rabe den älteren. »Ich werde dich in den Flügel beissen, wenn du mich danach fragst«, erwidert dieser mürrisch. »Anderes versprachst du mir, als da mich von Vater und Mutter weglocktest«, sagt der jüngere vorwurfsvoll. Und daraufhin erzählt der ältere Rabe, was sich zwischen Vater und Sohn zugetragen hat. – »Gibt es denn keine Hilfe, um ihn zu heilen?« fragt der jüngere. »Ich werde dich in den Flügel beissen, wenn du mich danach fragst.« »Anderes versprachst du mir, als du mich von Vater und Mutter fortnahmst.« Nun berichtet wieder der ältere Rabe, dass der Blinde sehend werden könne, wenn er das betaute Gras aus der nördlichen Ecke des Kirchhofes auf seine Augen lege, ehe die Sonne aufginge. – – »Woher kommt es, dass die Königstochter hier im Schlosse krank wurde und niemand sie zu heilen vermag?« fragt wieder der jüngere Rabe. Auch jetzt muss der alte nach gleichem Sträuben zur Antwort sich bequemen. Sie habe das Brod und den Wein vom Abendmahle hinter der Kirchentüre wieder ausgespuckt, und zur Strafe für diese Gottlosigkeit sei sie so krank geworden. Geheilt könne sie nur werden, wenn man den alten Priester, der ihr damals das Sakrament reichte, wieder aus seinem Grabe hole, ihn in die Messegewänder hülle und die Prinzessin vor dem Altare Brod und Wein aus seiner Hand noch einmal nehmen liesse. – –[253] »Aber woher kommt es, dass in der Burg hier kein Wasser ist?« fragt noch einmal der jüngere Rabe. Auch hierüber gibt nach dem gleichen Sträuben der alte Gefährte Auskunft. Ein böswilliger, zauberkundiger Mann hier auf der Burg versenke alles Wasser in eine Höhle unter der Halle. Wenn man tief genug grabe, so könne man das Wasser wieder bekommen. – – – Nun fliegen die Haben fort, der Blinde heilt nach den gehörten Ratschlägen seine Augen, sowie die Königstochter und schafft auch wieder Wasser in die Burg. Nachher heiratet er die Prinzessin und wird später König. Nun wird die Rede der Vögel wahr, und der Minister muss seinem Sohn gehorchen.

Köhler (Kl. Schr. S. 145 ff.) bringt bei Besprechung von Luzels »Contes bretons« weitere Literaturnachweise zu diesem Märchens. Abgesehen von der Einleitung stimmt es mit dem folgenden Märchen von »Diggur und Ódiggur« überein, da es sich beide Male darum handelt, dass ein Mann, der von Verwandten oder Gefährten aus irgend einem Grunde geblendet wurde, im Gespräche Vögel, Hexen etc. sagen hört, durch welche Mittel er wieder sehend wird, und wo durch er Ansehen (meist auch eine Königstochter) erlangen kann. – – –

Ähnlich wie in unserm Märchen wird auch in einer Variante zu »Tro og Utro« (Asbj. S. 486) eine Prinzessin krank, weil sie beim Abendmahl das heilige Brod hat fallen lassen.

Quelle:
Rittershaus, Adeline: Die neuisländischen Volksmärchen. Halle: Max Niemeyer, 1902, S. 252-254.
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