Gaumenspalte

[391] Gaumenspalte, ein angeborner, ziemlich häufig vorkommender Bildungsfehler des Gaumens in Gestalt einer in der Mittellinie des Gaumens hinziehenden, etwa 3–10 mm breiten Spalte, die bald nur den weichen Gaumen, bald diesen zusammen mit dem harten Gaumen in zwei seitliche Hälften trennt. Spaltung des harten Gaumens heißt Wolfsrachen. Er ist regelmäßig kombiniert mit Spaltung des die Zähne tragenden Knochenwalles des Oberkiefers; allein diese sogen. Kieferspalte liegt nicht in der [391] Mittellinie, sondern meist so, daß sie zwischen dem äußern Schneidezahn und dem Augenzahn durchgeht. Manchmal ist die Kieferspalte eine doppelte, so daß das die Schneidezähne tragende Mittelstück des Oberkiefers beiderseits außer Verbindung mit den seitlichen Abschnitten des Oberkiefers steht. Die einfache mittlere Spalte am harten Gaumen verlängert sich dann nach vorn in zwei kurze Schenkel, die beiden Kieferspalten. Neben den letztern kommt regelmäßig noch eine einfache oder doppelte Hasenscharte (s.d.) vor. Durch die G. wird eine abnorme Kommunikation zwischen Mund- und Nasenhöhle hergestellt, die, weil sie den Abschluß der einen von der andern Höhle unmöglich macht, schon dem neugebornen Kinde das Saugen außerordentlich erschwert, durch direkte Kommunikation der äußern Luft mit dem Kehlkopf zu Katarrhen der Atmungsorgane disponiert und später der Stimme einen näselnden Klang gibt, die Sprache aber erschwert und höchst undeutlich macht. Dadurch, daß die Kinder sich oft verschlucken, gelangen Nahrungsteilchen in die Lunge und erzeugen Pneumonien. Die Sterblichkeit solcher Kinder ist daher viel größer als die normaler Kinder. Selbst die niedern Grade der G., wo nur der weiche Gaumen mehr oder minder tief gespalten erscheint, beeinträchtigen die Sprache sehr erheblich und geben ihr einen näselnden Charakter. Die G., eine sogen. Hemmungsbildung, beruht darauf, daß die Vereinigung der beiden den Gaumen bildenden Oberkieferfortsätze, bez. die Verschmelzung dieser mit den vom Stirnfortsatz ausgehenden Zwischenkiefern überhaupt nicht oder nicht vollständig erfolgt ist.

Man kann die G. operativ durch die Gaumennaht (Staphylorrhaphie) beseitigen, indem man die Ränder der G. mit dem Messer abträgt und die blutenden Schnittflächen durch Nähte verbindet. Bei dem Wolfsrachen muß, um die Naht der Gaumenschleimhaut vornehmen zu können, diese vorher von ihrer knöchernen Unterlage abgetrennt und gegen die Mittellinie des Gaumens hin verschoben werden (Uranoplastik). Eventuell ist diese sehr schwierige und umständliche Operation (Langenbeck) mit derjenigen der Hasenscharte zu verbinden. Spalten und Löcher im harten wie im weichen Gaumen können auch erworben werden durch Verschwärungsprozesse, die namentlich bei konstitutioneller Syphilis, seltener bei Skrofulose etc. bald in der Schleimhaut des harten oder weichen Gaumens, bald in derjenigen der Nasenhöhle deginnen und den daruntergelegenen Knochen mit zerstören oder durchbrechen können. Nach der Ausheilung solcher Geschwüre bleiben rundliche Löcher oder Spalten im Gaumen zurück, durch welche die Nasen- und Mundhöhle miteinander in abnorme Verbindung treten, so daß Speisen und Getränke leicht aus der Mund- in die Nasenhöhle gelangen und die Sprache ähnlich wie bei der angebornen G. erschwert und verändert ist. Auch in solchen Fällen schließt man die Löcher durch Operation oder aber durch Obturatoren (s. Gaumen).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 7. Leipzig 1907, S. 391-392.
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