Zinzendorf

[785] Zinzendorf, Nikolaus Ludwig, Graf von, Stifter der Herrenhuter, in welchen die böhm. und mähr. Brüder fortleben, geb. 1700 zu Dresden, Sohn des kursächs. Conferenzministers Georg v. Z., wurde von Spener aus der Taufe gehoben, setzte sich bereits als Kind in ein ganz vertrauliches Verhältniß zum Heilande, und fand daheim wie zu Halle durch Francke u.a. Nahrung und Befestigung in seiner schwärmerisch frommen Richtung. Er trug große Luft zum Studium der Theologie, doch der prot. Adel drängte sich damals so wenig als heute zu theologischen Würden u. Aemtern, Z. wurde von seinem Vormunde nach Wittenberg geschickt, um die Rechtswissenschaften und ein cavaliermäßiges Leben zu erlernen. Reisen nach Holland und Frankreich brachten ihn mit den Jansenisten wie mit kathol. Theologen, z.B. dem Cardinal Noailles, in genaue Verbindung; 1721 mußte er Regierungsrath werden, allein als 1722 mährische Brüder auf sein Gut Bertholsdorf eingewandert waren u. immer mehre nachkamen, gab er seine Stelle bald auf und widmete sich ganz der Organisirung und dem Wachsthum der Gemeinde Herrnhut. Der Kaiser wie prot. Geistliche traten als Zu Gegner auf, er wurde 1733 – später wiederum 1738 – aus Sachsen fortgewiesen. In Stralsund bildete er sich zum Prediger, die Tübinger theologische Facultät nahm ihn förmlich [785] in den geistlichen Stand auf (1734); er predigte mit Feuereifer, stiftete im deutschen Reich wie in den Nachbarländern unter großen Mühen und Opfern (Herrenhaag in Holland) Kolonien, ebenso Missionsstationen in fremden Erdtheilen (1731 auf St. Thomas in Westindien), 1733 in Grönland, 1735 in Georgien, 1737 auf der Küste von Guinea, am Cap, auf Ceylon, 1739 in Pennsylvanien). Durch Jablonski in Berlin hatte sich Z. 1737 zum Bischof ordiniren lassen; ohne Rast und Ruhe zog er in Begleitung von 30–40 Mitgliedern seiner Secte, die gleichsam eine Mustergemeinde vorstellen sollten, als Prediger und Missionär in allen Ländern umher (namentlich auch in Amerika), verfaßte viele religiöse Lieder und ascetische Schriften, durfte 1747 nach Sachsen zurück, erlebte 1749 die Freude der Anerkennung seiner Gemeinde und st. 1760 zu Herrnhut. Spangenberg wurde sein Nachfolger als Bischof. Z.s Blut- und Kreuztheologie ist einer der zahllosen Beweise, wohin sich ein religiöses Gemüth ohne kirchliche Autorität verirrt, aber sein Charakter und Streben verdienen alle Anerkennung. Die Zahl seiner Schriften beträgt nicht weniger als 108, von denen in jüngster Zeit manche ausgezogen u. neu gedruckt wurden. Schriften über Z. von Varnhagen von Ense (Berl. 1830), Brauns (Bielef. 1850) u.a.m.

Quelle:
Herders Conversations-Lexikon. Freiburg im Breisgau 1857, Band 5, S. 785-786.
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