Erdbeere

[904] Erdbeere (Fragaria L.), Gattung der Rosazeen, meist Ausläufer treibende, niedrige, weich- oder seidenhaarige Kräuter mit ausdauerndem Wurzelstock, grundständigen, langgestielten, meist dreizähligen Blättern, weißen Blüten, meist in Trugdolden an der Spitze des aufrechten, armblätterigen Schaftes, und saftig fleischiger Sammelfrucht, die an ihrer Oberfläche die eingesenkten nußartigen Früchtchen trägt. Etwa acht Arten in der nördlichen gemäßigten Zone bis zu den südindischen Gebirgen und Mexiko, eine Art in Chile. Die gemeine E. (wilde E., Walderdbeere, Knickbeere, F. vesca L.) hat oberseits weichhaarige Blätter, zwitterige Blüten, einen bei der Fruchtreife zurückgekrümmten Kelch, an den Blütenstielen angedrückte Haare und findet sich in Wäldern und Gebüschen in Europa und Asien; in den Gärten der aromatischen Früchte halber bisweilen angepflanzt. Eine Abart, die Monatserdbeere (Felsen- und Alpenerdbeere, F. semperflorens Hayne), blüht vom Mai bis September, trägt den ganzen Sommer sehr wohlschmeckende, große, kugelförmige Früchte und wird in Gärten in vielen Varietäten kultiviert (schöne Anhaltinerin, s. Tafel »Beerenobst«, Fig. 20). Die Hügelerdbeere (Knackbeere, Bresling, portugiesische E., F. collina Ehrh.), mit am Fruchtboden anliegendem Kelch, an den Blütenstielen angedrückten Haaren und unvollständig diözischen Blüten, wächst auf trocknen, sonnigen Anhöhen, an Rainen in Deutschland und in der Schweiz. Die hochstengelige E. (große Wald-, Moschus-, Muskateller-, Zimterdbeere, F. elatior Ehrh) gleicht der ersten Art, ist aber gröster und stärker, hat einen bei der Fruchtreife abstehenden und leicht zurückgebogenen Kelch, ist an den Blütenstielen wagerecht abstehend behaart, meist zweihäusig, und findet sich in Mitteleuropa in lichten Gebirgswäldern, besonders Laubhölzern. Die Früchte haben ein eigentümliches, moschusähnliches Aroma; ihre hauptsächlichste Kulturform ist die Vierländer E. (schöne Wienerin, s. Tafel »Beerenobst«, Fig. 19). Die virginische E. (Scharlach-, Himbeererdbeere, F. virginiana Ehrh.), mit abstehendem Kelch, angedrückten Haaren an den Blütenstielen und den oberseits kahlen Blättern, stammt aus Nordamerika, wurde erst im 17. Jahrh. eingeführt und findet sich hier und da in Deutschland, besonders in Weinbergen, verwildert. Sie trägt reichlich und früh, die Früchte sind mittelgroß oder klein, mit festem Fleisch, sehr wohlschmeckend. Die Chile-Erdbeere (F. chiloënsis Ehrh.), mit rauhen Blättern, abstehenden Haaren an Stengel, Blatt- und Blütenstielen und geschlitztem, dem reifen Fruchtboden angedrücktem Kelch, stammt aus Chile, wächst auch in Montevideo, Buenos Aires und Kalifornien, trägt sehr große gewürzige Früchte, verlangt aber im Winter leichten Schutz. Aus dieser und der vorigen Art sind durch Kreuzungen die großfrüchtigen Sorten (Ananaserdbeeren) hervorgegangen. Die indische E. (F in dica Andr.), mit gelben Blüten und süßlicher Frucht ohne Aroma, wird selten gebaut.

Erdbeeren gedeihen am besten in mäßig feuchtem, etwas sandigem, humosem Lehmboden, der eine warme Lage hat. Man rigolt 60 cm tief und düngt mit halbverrottetem, lockerm Dünger. Im August oder Anfang September oder im zei tigen Frühjahr werden höchstens ein Jahr alte Pflanzen, womöglich Erstlinge, die sich zunächst der Mutterpflanze an den ersten Knoten der Ausläufer gebildet haben, gepflanzt, weil diese reichere Erträge liefern. Sie werden auf besondern Schulbeeten gekräftigt und, nachdem sie gut bewurzelt[904] sind, einzeln, 40–60 cm voneinander, je nach der Größe der Früchte, in Reihen und Verband auf die Pflanzbeete gebracht. Die Beete bedeckt man zwischen den Pflanzen vorteilhaft mit alter Lohe, Sägespänen etc. Die sich später bildenden Ausläufer werden nach der Entwickelung eines jungen Pflänzchens an dem ersten Knoten 2–3 cm von der Mutterpflanze abgeschnitten. Während des Fruchtansatzes gießt man mehrmals mit flüssigem Dünger. Im Herbst gibt man eine Oberdüngung durch Stallmist oder künstlichen Dünger, im zweiten und dritten Jahr werden die Pflanzen angehäufelt, und nach der dritten Ernte beschafft man eine Neupflanzung. Feinde der E. sind besonders der Engerling (soll an den Wurzeln zwischengepflanzten Salats gefangen werden), Ackerschnecke und die Raupe der Ampfereule (Noctua rumicis). Über die Zusammensetzung der Erdbeeren s. Nahrungsmittel.

[Erdbeersorten für die Tafel.] Von den zahlreichen Sorten, die jährlich durch neue vermehrt werden, empfehlen sich für ausgedehnten Anbau besonders: König Albert von Sachsen, sehr groß, festfleischig, sehr tragbar, mittelfrüh, auch spät; Professor Liebig, sehr groß, festfleischig, sehr tragbar, mittelfrüh; Theodor Umlié, sehr groß, Marktfrucht; Joseph Paxton, groß, volltragend, früh; Augusta, mittelfrüh, reichtragend; Victoria ovata, groß, fest, sehr reichtragend, ziemlich spät; Lucida perfecta, groß, gewürzig, spät, Early prolific, groß, fest, sehr volltragend, sehr früh; Goliath, groß, spät; Triomphe de Paris, sehr groß, reichtragend, mittelfrüh. Sehr schön ist White pine apple, weißlich, mittelfrüh, sehr gewürzig; Koch, sehr groß, ziemlich fest, aromatisch, außerordentlich früh; Jühlke, sehr groß, von köstlichem Wohlgeschmack, sehr reichtragend, mittelfrüh bis spät; Deutsche Kronprinzessin, glockenförmig, mittelgroß, stark gewürzig, äußerst reichtragend, früh; Helvetia, reich tragend, stark gewürzig, mittelfrüh (s. Tafel »Beerenobst«).

Erdbeeren waren schon im Altertum bekannt, ihrer Kultur wurde aber erst im 16. Jahrh. in Frankreich größere Beachtung geschenkt. Sie verdienen viel mehr, als bisher bei uns geschehen, im großen kultiviert zu werden. Die Amerikaner haben Feldkultur eingeführt und erzielen die lohnendsten Erträge; bei Aberdeen in Schottland wurden schon 1864 etwa 1000 Ztr. geerntet, und auch in Gernsbach im Badischen, bei Niederwalluf am Rhein, in den Weinbergen bei Koffebaude, in der Loschwitzer Gegend im obern Elbtal, in der Lößnitz bei Dresden, bei Werder an der Havel, bei Petersburg werden Erdbeeren im großen kultiviert. Sollen Erdbeeren eingemacht werden und dabei ihr Aroma behalten, so dürfen sie nicht erhitzt werden. Man schichtet sie mit reinstem Zuckerpulver, das bald zu Sirup zerfließt. In solcher Weise zubereitete Erdbeeren halten sich an einem kalten Ort ziemlich lange; erhitzt man sie in verschlossenen Gläsern in kochendem Wasser, so werden sie freilich haltbarer, büßen aber auch an Aroma ein. Vgl. Göschke, Das Buch der Erdbeeren (2. Aufl., Berl. 1888); Zürn, Die E. und ihre gewinnbringende Freilandkultur (das. 1900); Barfuß, Das Erdbeerbuch (das. 1901).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 5. Leipzig 1906, S. 904-905.
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