Praxiteles

[269] Praxiteles, altgriech. Bildhauer, geb. um 370 v. Chr. in Athen, war vermutlich Sohn und Schüler des Kephisodotos, Nebenbuhler des Skopas und das [269] Haupt der jüngern attischen Schule. Sein Schaffen fällt in die Zeit von 370–330 v. Chr. Die Alten preisen ihn als ihren größten Marmorbildner, seine Werke zeigten bei anmutigen Formen Naturwahrheit und psychologisch seinen Ausdruck. Er war der Schöpfer der jugendlichen Götterideale (Dionysos, Aphrodite, Eros, Apollon, Artemis) und ergänzte so die erhabene Strenge des Pheidias. Die alten Schriftsteller erwähnen von ihm gegen 50 Werke; besonders berühmt waren die knidische (nackte) und die koïsche (bekleidete) Aphrodite, der Eros von Thespiä, der »Eidechsentöter« Apollon (Sauroktonos), dann der ruhende Satyr. Eine Reihe der schönsten erhaltenen Satyrstatuen dürfen als Wiederholungen seiner Werke betrachtet werden, vor allen die Kopien eines jugendlichen Satyrs, der aus dem erhobenen Krug Wein in das Trinkhorn eingießt (im Albertinum zu Dresden). Auch von dem Sauroktonos sind Nachbildungen erhalten (s. Tafel »Bildhauerkunst III«, Fig. 6). Der knidischen Aphrodite stehen eine Marmorstatue des vatikanischen Museums und eine in der Münchener Pinakothek am nächsten. Auch andre Bildwerke, wie z. B. die Venus von Arles (s. Tafel »Bildhauerkunst V«, Fig. 4) und die Diana von Gabii (Fig. 6), werden auf P. zurückgeführt. Ob die berühmte Gruppe der Niobe mit ihren Kindern von P. oder von Skopas geschaffen ist, war bereits bei den Alten streitig. Ein Originalwerk des P. aus seiner reisen Zeit, der von Pausanias erwähnte Hermes mit dem Dionysosknaben, ist 8. Mai 1877 in Olympia gefunden worden (s. Tafel »Bildhauerkunst IV«, Fig. 2). Die meisterhafte Marmorbehandlung und die Anmut und Weichheit der Formenbildung bestätigen das Lob der Alten. Außerdem ist das Relief mit Apollon und Marsyas in Athen und vielleicht der Aphroditekopf bei Lord Leconfield als eigenhändige Arbeiten anzusprechen. Seine Söhne, Kephisodotos der Jüngere und Timarchos, waren gleichfalls als Bildhauer ausgezeichnet. Vgl. Treu, Hermes mit dem Dionysosknaben (Berl. 1878); Klein, Praxiteles (Leipz. 1898); Ubell, Praxiteles (2. Aufl., Berl. 1904); Perrot, Praxitèle (Par. 1904).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 16. Leipzig 1908, S. 269-270.
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