Logos

[470] Logos, 1) Wort; 2) Sprache; 3) Rede; 4) Vernunft; Denkvermögen, u. Alles, was ein Erzeugniß desselben ist, wie Gedankenbegriff, Beweis, Erklärung, Grund, Rechenschaft, Rechnung; 5) Verhältniß; 6) bei Johannes der Sohn Gottes als übermenschliches Wesen gedacht. Johannes spricht blos im Eingang seines Evangeliums vom L., u. seine Vorstellung ist: der L. war vom Anfang aller Dinge; im Anfang bei Gott; durch ihn ist die Welt geschaffen; in der Person Jesu kam er als Mensch in diese Welt Diese Idee hat sehr verschiedene Erklärungen gefunden. Nach Einigen nahm Johannes die Lehre vom L. aus den ältesten orientalischen Religionslehren, z.B. aus dem Zendavesta, wo das göttliche Wort als Mittelglied zwischen Gott u. Welt erscheint, u. wo demselben die gleichen Prädicate wie bei Johannes zugeschrieben werden, obschon in noch speculativerem Sinne, als beim Evangelisten. Nach Anderen entlehnte derselbe die Lehre aus dem Judenthum, wo die Weltschöpfung von dem Schöpfungswort hergeleitet u. dieses Wort wie die göttliche Weisheit personificirt gedacht wird (vgl. Gen.1, 3. Pf. 33, 6); dieses schaffende Wort Gottes u. die wirksame göttliche Weisheit, Begriffe, welche auch den Apokryphen nicht fremd waren, habe Johannes unter dem Namen L. auf Christum übertragen. Andere denken von dem platonischen Sprachgebrauch, wo die Vernunft u. Weisheit Gottes in ihren Offenbarungen in den Erscheinungen der Welt als die göttliche L. bezeichnet wird, was Johannes in einem höheren Sinne auf Christum übertragen habe. Andere erklären den L. des Johannes aus einem damals herrschenden Sprachgebrauch, indem theils die philosophischen Schulen, theils die Gebildeten in ihrer Sprachweise den L. sich als ein persönliches Wesen dachten, welches zwischen Gott u. Welt von Anfange an vermittelte u. als göttliches Werkzeug für die Schöpfung, Erleuchtung u. Bildung der Welt erschien, so daß sich die orientalische Lehre von dem mächtigen Wort Gottes mit der platonischen von der Weisheit in dem L. gleichsam verband. Unter den Alexandrinischen Juden wurde die Lehre vom L. bes. von Aristodulus u. Philo, einem Zeitgenossen des Apostels, mit Vorliebe behandelt, u. Johannes knüpfte seine Logoslehre an die gangbaren Begriffe der Gebildeten an. Andere suchten das Wort grammatisch zu erklären. Döderlein u. Storr übersetzten es Lehre, so daß das Abstractum für das Concretum, Lehre für Lehrer, stände; nach Einiges soll L. der Verheißene bedeuten; nach Andern activ der das Wort Sprechende od. der, in welchem das Wort ruht u. aus welchem es spricht, also so v.w. Gott selbst sein. Übrigens unterscheiden alte Philosophen häufig einen doppelten L., einen innerlichen in Gott od. im Menschen, welcher blos denkt (L. endiathĕtos), u. einen sich äußernden od. aussprechenden (L. prophorĭkos). Vgl. L. Duncker, Zur Geschichte der christlichen Logoslehre, Gött. 1848.[470]

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 10. Altenburg 1860, S. 470-471.
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