Serben [2]

[355] Serben (v. serb. Srbi, Einzahl Srbin), südslawischer Volksstamm, aufs nächste verwandt mit den Kroaten und zusammen mit ihnen eigentlich nur ein Volk bildend, das außer den Bewohnern Serbiens und Kroatiens die Montenegriner, Herzegowinaer, Bosniaken, Dalmatiner, Slawonier und die S. in Niederungarn (letztere von den Magyaren »Ráczok«, Einzahl »Rácz«, von den Deutschen daselbst »Raizen« genannt) umfaßt. Der Hauptunterschied zwischen S. und Kroaten besteht, abgesehen von dialektischen Differenzen in der Sprache, in dem Religionsbekenntnis, indem erstere fast ausschließlich der griechischen, letztere der römisch-kathol. Kirche angehören. Nachdem kurz vor 640 kroatische Stämme Kroatien, das westliche Bosnien und Dalmatien südlich bis an die Cetina besetzt hatten, sehen wir bald darauf serbische Stämme die übrigen Teile des alten Illyrien einnehmen und sich allmählich von Save und Donau gegen Süden, bis Durazzo, verbreiten, von wo sie allerdings durch die Albanesen wieder nördlich bis hinter den See von Škadar zurückgedrängt wurden. Im allgemeinen haben aber S. und Kroaten seit dem 9. Jahrh. ihre alten Sitze auf der Balkanhalbinsel bewahrt, wo sie in kompakter Masse den Nordwesten einnehmen. Im Königreich Serbien wohnen (1901) 2,298,550 (= 92,22 Proz. der Bevölkerung) S., in Montenegro etwa 230,000 S., in Bosnien und der Herzegowina (1895) 1,560,000 S. und Kroaten. In Österreich-Ungarn (vgl. die Ethnographische Karte im 15. Bd.) gibt es (1900) 3,442,130 S. und Kroaten, nämlich in der österreichischen Reichshälfte 711,380, und zwar 565,276 in Dalmatien (= 96,6 Proz. der Bevölkerung daselbst), 143,057 in Istrien (42,6 Proz.) und 3047 in den andern Teilen Österreichs zerstreut; in der ungarischen Reichshälfte 2,730,749, und zwar in Kroatien-Slawonien 2,101,580 (614,443 S. = 25,4 Proz. der Bevölkerung und 1,487,137 Kroaten = 61,6 Proz.) und in Ungarn 629,169 (437,737 S. = 1,1 Proz. und 191,432 Kroaten = 2,6 Proz.). Hinzuzurechnen sind noch die etwa 160,000 S. des Sandschak Novipasar und die in Mazedonien ansässigen S., über die genaue statistische Angaben nicht vorhanden sind. Die Gesamtzahl der Serbokroaten dürfte daher gegen 8 Mill. betragen, darunter über 1/2 Mill. Mohammedaner. Der typische Serbe, am reinsten in der Herzegowina, ist groß, breitschulterig, der Kopf erscheint gut proportioniert, die Stirn wohlgebildet, die Nase oft von schönem Adlerschnitt, das Haar blond, die Augen blau bis grau. Dunklere Mischtypen sind häufig, doch bewahren sie meist die hohe Gestalt. Er trägt nur Schnurrbart, nur die Geistlichkeit macht mit Vollbärten eine Ausnahme. Die Frauen zeigen regelmäßige Züge, ohne schön zu sein. Sie schminken sich und färben das Haar schwarz. Die Kleidung besteht auf dem Lande bei beiden Geschlechtern in faltigen, weißen Leinengewändern, einem breiten Gürtel, wollenen braunen oder lichten Oberkleidern und dem roten Fes. In den Städten herrscht fast durchweg die westeuropäische Tracht. Die Wohnungen bestehen aus roh behauenen Balken, zwischen welche Lehmziegel eingefügt sind, und sind mit Stroh oder Holz gedeckt; der Rauch zieht durch eine Öffnung im Dach ab, Herde oder Kamine sind selten. Bettstellen wie Schränke noch heute fast unbekannt. Das beste Haus ist das des Familienältesten (Starjeschina), das den unverheirateten Familiengliedern zur Wohnung dient, und wo zum Essen etc. alle Familienglieder sich versammeln. Hauptnahrungsmittel sind Mais, Milch, Käse, getrocknete Fische, Speck, Bohnen, Knoblauch und Paprika. Stirbt der Vater, das natürliche Familienoberhaupt, so geht dessen Nachfolger aus der freien Wahl der Hausgenossenschaft (Zadruga) hervor. Dieser, der Starjeschina, vertritt die ganze Hausgenossenschaft gegenüber den politischen Behörden, schlichtet die Streitigkeiten und leitet die Arbeiten des Hauses, an denen die ganze Familie teilnimmt. Der Starjeschina verteilt die Einkünfte aus dem Feldbau, der Obst- und Weinkultur, der Schweinezucht etc. und die Ausgaben des Hauses zwischen den Genossen, doch ist zum Verkauf oder der Schuldenbelastung des genossenschaftlichen Vermögens die Zustimmung des letztern nötig. Die gemeinsame Hauswirtschaft wird wechselweise von einer der verheirateten Frauen geführt. Die Frau teilt alle Arbeit des Mannes, arbeitet sogar mehr als dieser. Sinn für die Familie, Liebe zum Vaterland und persönlicher, jeder Knechtschaft abholder Mannesmut sind in allen Klassen des Volkes lebendig. Mit starrer Zähigkeit hält der Serbe an alten Sitten und Gebräuchen fest, zugleich ist er duldsam und gastfrei, mäßig, schlau auf seinen Vorteil bedacht, prozeßsüchtig und greift leicht zu Tätlichkeiten. Das religiöse Moment bildet einen Grundzug seines Charakters, er ist voller Aberglauben. Standesunterschiede kennt der Serbe nicht, seit die Türken den Adel gleich den Hörigen zur Rajah erniedrigten. Bei großer Neigung für Poesie, Musik und Tanz zeigt er sehr geringen Sinn für die bildenden Künste und noch geringern für das Handwerk. Wenn er nicht Ackerbauer und Viehzüchter ist, wird er am liebsten Beamter oder Soldat. Die Elternliebe, die Achtung der Jugend vor dem Alter wurzeln tief im Gemüt des Serben, und nicht minder fest begründet ist die Heiligkeit des Bandes zwischen Bruder und Schwester. Doch bilden Bundesbrüder- und Bundesschwesterschaft (pobratimstvo, posestrimstvo) mehr noch als Blutsverwandtschaft ein von der Kirche geheiligtes, für das Leben unlösliches Band, das zu gegenseitiger Treue und Unterstützung verpflichtet. Vgl. Literatur bei Artikel »Serbien«.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 18. Leipzig 1909, S. 355.
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